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Gedanken zu einer Nachricht aus der Schwäbischen Zeitung vom 20.04.2017
| FrankHeiLab

Anlässlich der Verabschiedung des 28. Jahrgangs der Absolventen der ZU am 28.03.2017 hat der ZU-Vizepräsident Forschung Prof. Dr. Helmut Willke eine sehr bemerkenswerte Äußerung zum Thema Eliten gemacht: „Jede Gesellschaft wird von Eliten regiert, auch Demokratien. Eliten dominieren nicht nur die Politik, sondern jedes Funktionssystem der Gesellschaft, also auch Wirtschaft, Wissenschaft oder Sport. Die relevante Frage ist nicht, ob es Eliten gibt, sondern was eine legitime Elite ausmacht. In einer Demokratie sind es zwei Kriterien: Leistung und Verantwortung. Verantwortung heißt hier: bereit zu sein, Verantwortung nicht nur für sich selbst zu übernehmen, sondern auch für größere soziale Kontexte, und genau darin Vorbild zu sein.“

Bemerkenswert finde ich das deshalb, weil es ein eher archaisches Bild von Entscheidungsprozessen in Organisationen bzw. Systemen nahelegt. Gestolpert bin ich vor allem über zwei Teile dieser Aussage.

Zunächst das sehr apodiktische „Jede Gesellschaft wird von Eliten regiert…“.  Das impliziert, dass sich hier um eine Art Naturgesetz handelt. Was natürlich ziemlicher Blödsinn wäre. Selbst wenn es so sein sollte, dass alle Systeme, die Professor Willke untersucht hat, von „Eliten“ regiert werden bzw. wurden, erlaubt das noch lange nicht den Schluss, daraus ein Gesetz abzuleiten. Von einem Professor an einer forschenden Universität erwarte ich die Beherzigung grundlegender wissenschaftlicher Prinzipien und ich vermute, er beherrscht sie auch. Was also kann dann der Hintergrund dieser Aussage sein? Ist es gedacht als eine Legitimation für die Studienabgänger der ZU, sich als berechtigte Eliten zu fühlen? Sich also selbst zu erheben über andere? Oder ist das nur eine tautologische Aussage á la: „Ich definiere die jeweils bestimmenden Menschen als Elite“. Damit wäre dieser Satz so sinnvoll wie der Satz: „jede Führung wird durch einen Führer durchgeführt.“, mithin obsolet.

Etwas zur faktischen Seite dieser Aussage: Gerade in Unternehmen wird zur Zeit sehr viel experimentiert mit modernen Führungsprozessen und -strukturen, die temporäre und wechselnde Führungspersonen nicht nur zulassen sondern geradezu fördern, mithin die sogenannten Eliten aufweichen.

Desweiteren koppelt Herr Prof. Dr. Willke das postulierte Naturgesetz mit einer sehr eingeschränkten Legitimation für den elitären Anspruch. Er beschränkt diese auf zwei Faktoren, Leistung und Verantwortung. Mal davon abgesehen, dass zu hinterfragen ist, wie denn Leistung in einer Gesellschaft überhaupt absolut und sinnvoll gemessen werden kann, blendet er hier komplett das Thema der Akzeptanz durch die von ihm nicht zur Elite definierten Menschen aus. (Er mag es implizit im Faktor Verantwortung sehen, aber das greift meines Erachtens zu kurz). Das Problem unserer Gesellschaft ist ja aktuell, dass die wahren LeistungsträgerInnen (Kranken-, Alten- und HeilerziehungspflegerInnen, ErzieherInnen, um nur einige zu nennen) nicht ausreichend an den Entscheidungsprozessen mitwirken (können). Die Idee einer moralisch hochstehenden Elite (Leistung und Verantwortung) lässt sich nahtlos an den Führungsanspruch monarchistischer Herrscher anknüpfen. So schrieb schon der ehemalige niedersächsische Ministerpräsident Ernst Albrecht , dem Adel sehr zugetan, in seinem Buch „Der Staat – Idee und Wirklichkeit“: „Macht in den Händen eines moralische hochstehenden Mannes vermag unendlichen Segen zu stiften“.

Dieser Wunsch nach einer verantwortungsvoll die Geschicke lenkenden Elite ist verständlich. Die immer offensichtlicher werdende Komplexität unserer gesellschaftlichen, strukturellen und auch der natürlichen Umwelt überfordert Menschen sehr schnell. In Überforderungssituationen wächst der Wunsch nach a) einfachen Wahrheiten und b) einer „Mama, die für mich sorgt“, wie es ein Freund von mir ausdrücken würde.

Gleichzeitig ist dieser Rückgriff auf eine lenkende Elite ein gesellschaftlicher Rückschritt. Unsere Demokratie braucht sicher ein Überdenken und Entwickeln der Entscheidungsprozesse und Strukturen. Was sie aber nicht verdient hat, und was auch nicht hilft, die komplexen Probleme und Themen zu bewältigen, sind Schritte rückwärts hin zu archaischen, elitegetriebenen Entscheidungsstrukturen, die womöglich auch noch selbsternannt sind.

Von Frank Labitzke